Blog-Buch-Projekt "KOMA-AMOK"
Eine Nachbereitung
Dieses Buch muss geschrieben werden, damit Frau Schuster nichts Schlimmes zustößt. Sie ist ahnungslos was ihre Lebensgefahr angeht. Ich bin ahnungslos, ob das Schreiben sie am Ende wirklich retten wird. Es ist Frau Schusters letzte Chance, keine Garantie auf Unversehrtheit. Anders weiß ich mir und ihr nicht mehr zu helfen. Wenn ich Frau Schuster in einen Unfall verwickle, der ihr Leben mindestens auf den Kopf stellen wird, kann mich das 4000 Euro Strafe kosten. Das ist es mir mittlerweile absolut wert. Und viel einfacher, als ein Buch zu schreiben.
Andererseits ist da meine absolut gewaltfreie Vergangenheit. Bis heute bin ich jeder Prügelei erfolgreich aus dem Weg gegangen. Den Wehrdienst hätte ich verweigert, wäre ich nicht ausgemustert worden (andere lustige Geschichte). Meine langjährigen Freunde und Kolleginnen würden mich sicher als friedliebenden, stets um Konsens bemühten Menschen beschreiben – WEHE WENN NICHT. Was hat mich also dazu gebracht, dass meine Gedanken sehr regelmäßig darum kreisen, wie ich Frau Schusters Leben auf Links ziehen kann? Eine Frau, die ich nicht einmal persönlich kenne. Es gibt sie aber, soviel steht fest. Wir stehen seit Jahren in Kontakt.
Diese ganze Geschichte gibt es. Sie ist mir widerfahren. Bis heute habe ich sie überlebt und wünsche mir immer öfter, ich hätte es nicht. Ich schreibe sie hier so authentisch auf, so weit es das Hinterland der Schmerzgrenze zulässt. Sie dokumentiert, wie man als normaler durchschnittlicher Bürger, gesund, pazifistische Grundeinstellung, ehrenamtierend und steuerzahlend, in wenigen Jahren zu einem potenziellen Amokläufer wird, der den Glauben an fast alles verliert. Und ob das pure Beschreiben, die dokumentarische Abarbeitung der Geschichte, hilft, einen mächtigen Rache-Wunsch loszuwerden und am Ende über Frau Schuster lachen zu können, statt über sie fahren zu wollen.
Da die Geschichte – auch juristisch – noch nicht abgeschlossen ist, während ich sie aufschreibe, sei an dieser Stelle kurz angemerkt:
Die Namen einiger der genannten Personen sind geändert. Orte, Zeiten und geschilderte Abläufe sind unverändert.
Meine Name ist unverändert Dirk Roß. Bis mir am 30. Mai 2020 ein Auto fahrender Verkehrsteilnehmer die Vorfahrt genommen und mein altes Leben beendet hat, war ich ungefähr 25 Jahre lang Ehemann, Vater und freier Autor.
Als solcher weiß ich: Wichtig für die Dramatik einer Geschichte oder den Effekt einer Pointe ist die Fallhöhe. Meine war ordentlich. So hat sie sich – in aller gebotenen Kürze - aufgebaut:
Mitte der 1990er Jahre habe ich als Praktikant im Deutschen Bundestag Fake News verbreitet und bekam zur Belohnung meinen ersten bezahlten Job, inklusive eines 120 Quadratmeter großen Büros im Abgeordnetenhaus „Tulpenfeld“. Das hat meine Angebetete von meiner Zukunftsfähigkeit überzeugt und ich durfte sie in der City Hall von Manhattan heiraten. Dann ging es in die Finanzkommunikation und ich habe der Deutschen Bank und der Allianz Vermögensmanagement ins Internet geholfen. Um einen Einblick in eine weitere düstere Parallelwelt zu bekommen, habe ich mich auch noch von der Pharmawerbeindustrie bezahlen lassen (außerdem brauchten wir als junge Eltern das Geld).
Von da ab wurde es aber ethisch (etwas) unbedenklicher und lustiger. Nebenbei hatte ich bereits länger für die RTL-Show „Freitag Nacht News“ Gags geschrieben und ab 2005 rutschte ich dann ganz ab in die bunte Fernsehwelt und schrieb in der Hauptsache Comedy, Moderations- und Drehbücher. Auf langen Reisen mit und ohne Familie entstanden eine Reihe Reportage-Bücher, für das Handelsblatt berichtete ich aus Nordkorea und wenn Samuel L. Jackson für einen Gala-Abend nach München einflog, legte ich ihm die Worte in den Mund. Aus einer Begebenheit beim Skifahren in der Schweiz entstand eine Idee, aus der eine ARD-Vorabendserie wurde (eine Staffel, aber immerhin!).
Mit zunehmendem Alter und Größe meines Sohnes nahm ich mehr Aufträge an. Es lief perfekt. Im Mai 2020 war gerade ein mehrmonatiges Fernsehprojekt zu Ende gegangen. Trotz härtester Corona-Auflagen konnte die Produktion durchgezogen werden. Das nächste große Ding stand schon vor der Tür: Der Bergdoktor. Hans Sigl bat einen Kollegen und mich um kreativen Beistand für ein Bühnenprogramm.
Eine Woche nach meinem letzten Treffen mit ihm, musste meine Frau dem Bergdoktor dann jedoch absagen weil ich auf der Intensivstation im Koma lag. Die Fallhöhe und ihre erste Pointe.
Fortsetzung folgt


